Seit 2012 haben weit über eine halbe Million geflüchteter Mädchen und Frauen in Deutschland Schutz gesucht. Um diese Gruppe zielgenau zu unterstützen, haben zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen beeindruckende Programme und Aktivitäten ins Leben gerufen. Am 16.10.2018 wurden einige dieser Projekte von dem Analyse- und Beratungshaus PHINEO ausgezeichnet. Dieser Beitrag möchte zwei ausgewählte Organisationen vorstellen und hierbei einen Schwerpunkt auf den Aspekt der Selbstständigkeit legen.

1. Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V.        

Immer mehr Frauen mit Migrationshintegrund machen sich selbstständig. In den letzten 10 Jahren war ein Anstieg von 40 % zu verzeichnen. Die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. hilft solchen Frauen seit über 20 Jahren bei der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit. Sie legt dabei großen Wert darauf, die Frauen in allen Phasen ihrer Gründungstätigkeit zu unterstützen. Hierzu gehört die Vorgründungs-, Gründungs- und Nachgründungsphase. Im Rahmen des Projekts „Qualifizierung im Bereich Existenzgründung für Immigrantinnen“ wird ein Schwerpunkt darauf gelegt, spezifische Kompetenzen und Fertigkeiten zu vermitteln, die für selbstständige Tätigkeiten wichtig sind. Ergänzt wird dieser Schwerpunkt durch die Projekte „First Steps“ und „Tandem-Partnerschaft“.

Ein Markenkern der Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. ist, dass alle Vorstände, Mitarbeiterinnen und Dozentinnen selbst Migrantinnen sind. Dieser Aspekt hat nicht nur einen integrativen Charakter, sondern auch eine Vorbildfunktion.

Konkreter Nutzen des Projekts für den Arbeitsmarkt: Migrantinnen und geflüchtete Frauen haben oft konkrete Weiterbildungs- und Beratungsbedarfe, die nicht von Arbeitsagenturen und Jobcentern abgedeckt werden. Hinzu kommt, dass diese Institutionen nicht für ihre ausgewiesene Expertise im Bereich von Selbstständigkeit bekannt sind. Vor diesem Hintergrund sind Initiativen – wie die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. – von zentraler Bedeutung für den Arbeitsmarkterfolg von Migrantinnen und geflüchteten Frauen. Ohne eine solche Unterstützung wäre der Weg aus der Erwerbslosigkeit für viele Frauen nicht möglich. Folglich hätte der deutsche Arbeitsmarkt weniger innovative Gründer.

2. jumpp – Ihr Sprungbrett in die Selbstständigkeit, Frauenbetriebe e.V.

Das Projekt „Frauen mit Fluchterfahrung gründen“ setzt auf einen ganzheitlichen Ansatz bei der Unterstützung geflüchteter Frauen. Das Ziel ist ganz klar: die unternehmerischen Potentiale zu aktivieren und zu fördern. Zu diesem Zweck wird auf ein breit gefächertes Angebot gesetzt, das von individuellen Einzelberatungen über Workshops bis hin zu Hospitationen reicht. Ein Kernelement des Projekts ist ein umfassendes Mentoring, das zwei Jahre umfassen soll. Erfahrungen aus dem Bereich der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen haben gezeigt, dass Mentoring einen deutlich positiven Effekt auf die Erfolgsaussichten hat. Darüber hinaus setzt das Projekt im besonderen Maße auf eine gute Netzwerkarbeit mit der Wirtschaft. Auch hier zeigen Erfahrungen, dass ein guter Draht zu Arbeitgebern eine der Hauptvoraussetzungen für eine Integration in den Arbeitsmarkt darstellt.

Zusammengefasst sind folgende zwei Elemente ein Schlüssel für den Erfolg des Projekts: Mentoring und ein gutes Netzwerk in die Wirtschaft. Flankiert werden diese Komponenten durch gezielte Qualifizierungsangebote.

Konkreter Nutzen des Projekts für den Arbeitsmarkt: Viele geflüchtete Frauen stehen dem allgemeinen Arbeitsmarkt erst einmal nicht zur Verfügung. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fluchttraumata, familiäre Situation, mangelnde formelle Qualifizierung, Kinderbetreuung etc. Dabei besitzen sie wertvolle Fähigkeiten sowie eine gehörige Portion an Motivation, die der deutsche Arbeitsmarkt dringend braucht. Eine selbstständige Tätigkeit kann vielen geflüchteten Frauen einen niederschwelligen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt ermöglichen.

Fazit:

In Deutschland sinkt die Zahl der Gründungen seit Jahren – außer bei den Migranten. Warum ist das so? Julia Bredtmann vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hat folgende Begründung dafür:

„Sie sind bereits ein Risiko einzugehen, um in einem neuen Land ihr Glück zu finden.“

Auch das Handelsblatt berichtete im April diesen Jahres über den besonderen Mut von Migranten zur Selbstständigkeit.

Ein zweiter Erklärungsversuch kommt von Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Seiner Meinung stünden viele Migranten nach ihrer Ankunft in Deutschland vor einem völlig unbekannten Arbeitsmarkt. Eine Selbstständigkeit sei deshalb vor allem ein Ausweg aus der Erwerbslosigkeit.

Diese beiden Erklärungsversuche treffen auch auf geflüchtete Frauen zu. Diese Gruppe steht einer Vielzahl an Herausforderungen gegenüber: Sprachbarriere, psychische und physische Belastungen durch Fluchterfahrungen, familiäre Situation, Kinderbetreuung, formale Qualifizierung etc. Eine selbstständige Tätigkeit schafft in einer solchen Situation Perspektiven. Sie ermöglicht es den betroffenen Frauen, eigenständig und flexibel berufliche Perspektiven zu schaffen. Vor diesem Hintergrund sollten Gründerinnen und Gründer mit Migrations- beziehungsweise Fluchthintergrund noch zielgerichteter unterstützt werden. Die vorgestellten Initiativen leisten einen besonderen Beitrag hierzu.

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