In dieser Woche strahlte ZDFzoom die Reportage „Weiterbildung ohne Sinn – Was sich bei Hartz IV ändern muss“ aus. Dabei wurde das ganze Ausmaß der ineffizienten Weiterbildungsmaßnahmen im Hartz-IV-System deutlich. Es ist nur schwer begreiflich, wie Erwerbslose durch Mandela ausmalen oder Murmelbahnen bauen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen. Die Reportage von ZDFzoom ist deshalb ein Weckruf für einen Paradigmenwechsel. Die folgenden Thesen unterstreichen diese Notwendigkeit:

These 1: Die Menschen werden nicht zielgenau gefördert

Viele Betroffene werden in Maßnahmen geschickt, damit die Plätze gefüllt werden. Die individuellen Bedürfnisse der Menschen kommen oft zu kurz. Eine passgenaue Förderung kann nicht stattfinden. Dieser Umstand widerspricht dem Grundprinzip des „Förderns und Forderns“ im Hartz-IV-System. Für die Betroffenen bedeutet es konkret, dass sie nicht die beste Hilfestellung erhalten und deshalb im Zweifel eine lange Zeit von sozialen Leistungen abhängen. Manche Menschen finden überhaupt keinen Ausweg mehr aus dem System.

These 2: Die Trägerlandschaft schadet der Qualität der Maßnahmen  

Jutta Allmendinger weist in der Reportage darauf hin, dass die Zahl der bestehenden Bildungsträger deutlich abgebaut werden könnte, um die Qualität der Maßnahmen zu erhöhen. Sie fordert im Umkehrschluss eine höhere Beteiligung von öffentlichen Institutionen in diesem Bereich. Dieser Aspekt kommt in der politischen Debatte leider oft zu kurz. Es wird selten kritisch hinterfragt, inwieweit die Struktur der Träger den Betroffenen hilft und, ob das bestehende System wirksam und effizient ist.

These 3: Die Zielsteuerung der Bundesagentur für Arbeit geht am eigentlichen Ziel vorbei

Schon seit Jahren wird überall propagiert, dass eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt von äußerster Wichtigkeit ist. Dies spiegelt sich in der Realität leider nicht wider. Dafür gibt es zu wenige abschlussbezogene Qualifizierungsmaßnahmen. Solche Maßnahmen tragen nämlich nachhaltig dazu bei, dass Menschen aus Hartz IV rauskommen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht wieder hineinrutschen. Kurzfristige Maßnahmen beschäftigen Menschen zwar, sie erhöhen jedoch nur bedingt die Beschäftigungsfähigkeit.

 

Diese drei Thesen sind nur ein Ausschnitt der komplexen Gemengelage. Sie legen jedoch dar, dass das aktuelle System der Weiterbildungsmaßnahmen den Menschen nicht hilft. Deshalb muss es dringend reformiert werden.

 

 

 

In der Debatte um die Digitalisierung der Arbeitswelt spielt das Thema Recruiting eine zunehmend wichtige Rolle. Firmen gründen neue Recruiting-Abteilungen, Recruiting-Plattformen bieten ausgefeilte Dienste an und Social Media Recruiting wird zum Trend. Sind damit die Herausforderungen des Recruiting gelöst? Mitnichten! Dieser Beitrag soll drei Möglichkeiten aufzeigen, wie eine weitergehende Modernisierung und Professionalisierung des Recruiting gelingen kann.

1. Recruiting muss soziale Netzwerke besser nutzen

Das größte Recruiting-Potential befindet sich in den sozialen Netzwerken. Relativ wenige Unternehmen in Deutschland nutzen dieses Potential systematisch für die Rekrutierung ihrer Mitarbeiter. Das Startup Talentwunder hat diese Marktlücke entdeckt und das Recruiting auf den Kopf gestellt. Das System: Arbeitgeber bewerben sich bei Fachkräften. Das Ergebnis lässt sich nach den Aussagen des Gründers Andreas Dittes sehen:

Mit 1,1 Milliarden Profilen haben wir die wahrscheinlich größte Recruiting-Datenbank der Welt aufgebaut.

Einer der Vorteile dieser Software: Sie kann nicht nur geeignete Bewerber identifizieren, sondern auch wechselwillige Mitarbeiter ausfindig machen. Das Beispiel von Talentwunder offenbart das Potential, das sich in den sozialen Netzwerken befindet. Davon müssen die Unternehmen in Zukunft noch mehr Gebrauch machen.

2. Diversität als Merkmal von Recruiting

Zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland sind auf die Anforderungen einer digitalen und vielfältigen Arbeitswelt nicht adäquat vorbereitet. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Charta der Vielfalt in Zusammenarbeit mit Ernst & Young GmbH (EY). Darüber hinaus kommt die McKinsey-Studie “Delivering Through Diversity” zu folgendem Ergebnis: „Der Zusammenhang zwischen Vielfalt im Management und Geschäftserfolg ist real. Die Förderung von Talenten mit unterschiedlichen Hintergründen, Männer wie Frauen, unterschiedliche Ethnien und wissenschaftliche Hintergründe, ist sowohl eine Frage der Gerechtigkeit als auch eine Business-Priorität.“ Gerade im internationalen Wettbewerb wird die Diversität immer mehr zu einem entscheidenden Wettbewerbs- und Standortfaktor.

3. Recruiting-Prozesse müssen nutzerorientiert und transparent sein

Ein nutzerorientiertes und transparentes Recruiting hört sich jetzt wahrlich nicht nach einer Revolution an. Und trotzdem findet man immer wieder Beispiele von international anerkannten Unternehmen, die keine nutzerfreundlichen Recruiting-Prozesse anbieten. Dies fängt auf der Bewerbungsplattform oder der Homepage an und geht im anschließenden Bewerbungsverfahren weiter. Hierbei geht es nicht um schicke “Add-ons“, sondern schlicht und ergreifend um Nutzerfreundlichkeit.

Warum ist das wichtig? Bewerber werden zunehmend anspruchsvoller und schauen deshalb genau hin, welche Unternehmen professionell und nutzerfreundlich ihr Recruiting organisieren. Daraus ziehen sie generelle Rückschlüsse über die Arbeitsweise des Unternehmens.

In den letzten Wochen hat die Debatte über Hartz IV wieder Fahrt aufgenommen. Verschiedene Parteien haben Vorschläge zu einer Reform des Hartz-IV-Systems präsentiert. Im Zentrum der politischen Diskussion steht die Frage, ob Hartz IV beibehalten werden soll oder nicht. Was hierbei fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Zielgruppen im Hartz-IV-System. Eine solche Zielgruppe sind die Alleinerziehenden. Sie sind überproportional häufig von Hartz IV betroffen. Dieser Beitrag schlägt drei Möglichkeiten vor, um diesen Umstand zu ändern.   

Mitte des Jahres 2018 lebten in 18 % (563.000) der Bedarfsgemeinschaften Alleinerziehende. Der aktuelle Armuts-und Reichtumsbericht der Bundesregierung verweist auf die hohe Armutsrisikoquote von Alleinerziehenden – auch im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Um dieser Gruppe eine bessere Zukunft zu ermöglichen, bedarf es folgender konkreter Maßnahmen:

1. Reform des Kinderzuschlags

Im Koalitionsvertrag hat man sich auf eine Reform des Kinderzuschlags geeinigt. Die sogenannte “Abbruchkante“ soll abgeschafft werden. Ziel: Wer ein Euro mehr verdient, darf nicht sofort den Anspruch auf alle Leistungen verlieren. Stattdessen soll ein sanfterer Übergang eingeführt werden. Durch diese Maßnahme könnten viele Alleinerziehende finanziell besser gestellt werden und folglich dauerhaft Hartz IV verlassen.

2. Anreize zur Qualifizierung setzen

Laut Erhebungen sind Alleinerziehende überproportional im Helfersegment tätig. Um den Teufelskreislauf von Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit und kurzfristiger Beschäftigung zu durchbrechen, sollten deshalb Qualifizierungsmaßnahmen im Vordergrund stehen. Dadurch sinkt zum einen das Risiko der Arbeitslosigkeit. Zum anderen verbessern sich die Aussichten auf ein höheres Einkommen.

3. Kinderbetreuung verbessern

Der Sachverständigenrat setzt sich in seinem Gutachten für einen flächendeckenden sowie qualitativen Ausbau der Ganztagesbetreuung ein. Damit soll es Alleinerziehenden erleichtert werden, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

 

Fazit: Diese drei Vorschläge sind nicht ganz neu. Sie sind jedoch ein konstruktiver Beitrag zur derzeitigen Hartz-IV-Debatte. Die Debatte konzentriert sich nicht auf die Bedürfnisse und Zukunftschancen der Hartz-IV-Bezieher, sondern nur auf die Angebotsseite des Staates. Dabei wäre es hilfreich, einen nutzerorientierten Ansatz bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten zu verfolgen. Das Ziel muss klar definiert sein: nicht mehr von Hartz IV abhängig zu sein. Die genannten Vorschläge können gerade der Gruppe der Alleinerziehenden dabei helfen.

Seit 2012 haben weit über eine halbe Million geflüchteter Mädchen und Frauen in Deutschland Schutz gesucht. Um diese Gruppe zielgenau zu unterstützen, haben zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen beeindruckende Programme und Aktivitäten ins Leben gerufen. Am 16.10.2018 wurden einige dieser Projekte von dem Analyse- und Beratungshaus PHINEO ausgezeichnet. Dieser Beitrag möchte zwei ausgewählte Organisationen vorstellen und hierbei einen Schwerpunkt auf den Aspekt der Selbstständigkeit legen.

1. Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V.        

Immer mehr Frauen mit Migrationshintegrund machen sich selbstständig. In den letzten 10 Jahren war ein Anstieg von 40 % zu verzeichnen. Die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. hilft solchen Frauen seit über 20 Jahren bei der Vorbereitung auf die Selbstständigkeit. Sie legt dabei großen Wert darauf, die Frauen in allen Phasen ihrer Gründungstätigkeit zu unterstützen. Hierzu gehört die Vorgründungs-, Gründungs- und Nachgründungsphase. Im Rahmen des Projekts „Qualifizierung im Bereich Existenzgründung für Immigrantinnen“ wird ein Schwerpunkt darauf gelegt, spezifische Kompetenzen und Fertigkeiten zu vermitteln, die für selbstständige Tätigkeiten wichtig sind. Ergänzt wird dieser Schwerpunkt durch die Projekte „First Steps“ und „Tandem-Partnerschaft“.

Ein Markenkern der Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. ist, dass alle Vorstände, Mitarbeiterinnen und Dozentinnen selbst Migrantinnen sind. Dieser Aspekt hat nicht nur einen integrativen Charakter, sondern auch eine Vorbildfunktion.

Konkreter Nutzen des Projekts für den Arbeitsmarkt: Migrantinnen und geflüchtete Frauen haben oft konkrete Weiterbildungs- und Beratungsbedarfe, die nicht von Arbeitsagenturen und Jobcentern abgedeckt werden. Hinzu kommt, dass diese Institutionen nicht für ihre ausgewiesene Expertise im Bereich von Selbstständigkeit bekannt sind. Vor diesem Hintergrund sind Initiativen – wie die Initiative Selbstständiger Immigrantinnen e. V. – von zentraler Bedeutung für den Arbeitsmarkterfolg von Migrantinnen und geflüchteten Frauen. Ohne eine solche Unterstützung wäre der Weg aus der Erwerbslosigkeit für viele Frauen nicht möglich. Folglich hätte der deutsche Arbeitsmarkt weniger innovative Gründer.

2. jumpp – Ihr Sprungbrett in die Selbstständigkeit, Frauenbetriebe e.V.

Das Projekt „Frauen mit Fluchterfahrung gründen“ setzt auf einen ganzheitlichen Ansatz bei der Unterstützung geflüchteter Frauen. Das Ziel ist ganz klar: die unternehmerischen Potentiale zu aktivieren und zu fördern. Zu diesem Zweck wird auf ein breit gefächertes Angebot gesetzt, das von individuellen Einzelberatungen über Workshops bis hin zu Hospitationen reicht. Ein Kernelement des Projekts ist ein umfassendes Mentoring, das zwei Jahre umfassen soll. Erfahrungen aus dem Bereich der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen haben gezeigt, dass Mentoring einen deutlich positiven Effekt auf die Erfolgsaussichten hat. Darüber hinaus setzt das Projekt im besonderen Maße auf eine gute Netzwerkarbeit mit der Wirtschaft. Auch hier zeigen Erfahrungen, dass ein guter Draht zu Arbeitgebern eine der Hauptvoraussetzungen für eine Integration in den Arbeitsmarkt darstellt.

Zusammengefasst sind folgende zwei Elemente ein Schlüssel für den Erfolg des Projekts: Mentoring und ein gutes Netzwerk in die Wirtschaft. Flankiert werden diese Komponenten durch gezielte Qualifizierungsangebote.

Konkreter Nutzen des Projekts für den Arbeitsmarkt: Viele geflüchtete Frauen stehen dem allgemeinen Arbeitsmarkt erst einmal nicht zur Verfügung. Die Gründe dafür sind vielfältig: Fluchttraumata, familiäre Situation, mangelnde formelle Qualifizierung, Kinderbetreuung etc. Dabei besitzen sie wertvolle Fähigkeiten sowie eine gehörige Portion an Motivation, die der deutsche Arbeitsmarkt dringend braucht. Eine selbstständige Tätigkeit kann vielen geflüchteten Frauen einen niederschwelligen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt ermöglichen.

Fazit:

In Deutschland sinkt die Zahl der Gründungen seit Jahren – außer bei den Migranten. Warum ist das so? Julia Bredtmann vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hat folgende Begründung dafür:

„Sie sind bereits ein Risiko einzugehen, um in einem neuen Land ihr Glück zu finden.“

Auch das Handelsblatt berichtete im April diesen Jahres über den besonderen Mut von Migranten zur Selbstständigkeit.

Ein zweiter Erklärungsversuch kommt von Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Seiner Meinung stünden viele Migranten nach ihrer Ankunft in Deutschland vor einem völlig unbekannten Arbeitsmarkt. Eine Selbstständigkeit sei deshalb vor allem ein Ausweg aus der Erwerbslosigkeit.

Diese beiden Erklärungsversuche treffen auch auf geflüchtete Frauen zu. Diese Gruppe steht einer Vielzahl an Herausforderungen gegenüber: Sprachbarriere, psychische und physische Belastungen durch Fluchterfahrungen, familiäre Situation, Kinderbetreuung, formale Qualifizierung etc. Eine selbstständige Tätigkeit schafft in einer solchen Situation Perspektiven. Sie ermöglicht es den betroffenen Frauen, eigenständig und flexibel berufliche Perspektiven zu schaffen. Vor diesem Hintergrund sollten Gründerinnen und Gründer mit Migrations- beziehungsweise Fluchthintergrund noch zielgerichteter unterstützt werden. Die vorgestellten Initiativen leisten einen besonderen Beitrag hierzu.

Seit einigen Jahren spitzt sich der Fachkräftemangel in Deutschland zu. Aufgrund der guten Arbeitsmarktlage hat dieser Umstand jedoch nicht zu umfassenden politischen Reformen geführt. Die aktuelle Regierung möchte dies vor allem mit dem Fachkräftezuwanderungsgesetz ändern. Wie dringend ein solches Gesetz benötigt wird, zeigen die folgenden Zahlen:

  • Der Fachkräfteengpass von 440.000 qualifizierten Arbeitskräften mindert die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0.9 % beziehungsweise 30 Milliarden Euro (Institut der deutschen Wirtschaft, 2018)
  • Ohne weitere Zuwanderung wird das Erwerbspersonenpotenzial von derzeit 47 Millionen Personen auf 29 Millionen im Jahr 2060 sinken (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2018)
  • Das Erwerbspersonenpotenzial kann nur mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen stabil gehalten werden (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2018)
  • Im Bereich der Pflege fehlen bis zum Jahr 2025 über 100.000 Fachkräfte (Krankenhaus Rating Report, 2018)

Diese Berechnungen führen uns ganz konkret die Auswirkungen des demographischen Wandels sowie des Fachkräftemangels vor Augen. Das jahrelange politische Zögern hat der deutschen Wirtschaft und den deutschen Unternehmen ohne Zweifel geschadet. Deshalb ist es nun höchste Zeit zum Handeln.

Begrenztes inländisches Potenzial nutzen

Eine umfassende Fachkräftestrategie muss inländische, europäische und internationale Potenziale in den Blick nehmen. Hierbei ist anzuerkennen, dass in Deutschland die inländischen Potenziale zum Teil schon gut genutzt werden. Im internationalen Vergleich sind zum Beispiel die Erwerbsquoten von Frauen und Älteren sehr hoch. Darüber hinaus kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu dem Schluss, dass die Nachqualifizierung von Geringqualifizierten auch an Grenzen stößt. Trotz dieser Einschränkungen kann das inländische Potenzial unter anderem mit folgenden Ansätzen besser genutzt werden:

  1. Steigerung der Erwerbsbeteiligung durch längeres Arbeiten (z. B. durch eine Kopplung des Renteneintrittsalters und der Lebenserwartung)
  2. Unterbeschäftigung muss bedarfsgerecht und individuell reduziert werden (z. B. durch eine Ausweitung der Arbeitszeit für Teilzeitbeschäftigte)
  3. Hohe Zahl der Schulabbrecher von ca. 50.000 Personen senken (z. B. durch bessere Betreuung in den Schulen)

Diese vielversprechenden Ansätze werden jedoch bei Weitem nicht ausreichen, um die benötigten Zuwanderungszahlen zu erreichen. Deshalb muss die Zuwanderung aus EU-Staaten und Drittstaaten an Bedeutung gewinnen.

Fachkräfte aus EU-Staaten und Drittstaaten im Fokus

Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) werden im Zeitraum von 2015-2050 jährlich ca. 62.000 EU-Bürger “netto“ nach Deutschland einwandern. Diese Schätzungen hängen natürlich von der wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb Europas ab. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Zuwanderung nach Deutschland aufgrund des steigenden Wohlstands in zahlreichenEU-Ländern nicht signifikant zunehmen wird. Vor diesem Hintergrund nimmt die Fachkräftegewinnung aus Drittstaaten eine überragende Rolle ein. Um die Fachkräftezuwanderung aus diesen Ländern zu verbessern, braucht es einfachere und handhabbare Regeln. Nur auf diesem Wege kann ein regulatorischer Flickenteppich vermieden werden. Schließlich geht es darum, langfristig den Fachkräftebedarf in Deutschland zu decken.

 

Immer weniger Langzeitarbeitslose finden eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die nächste Regierung wird deshalb eine größere Reform zum Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit in Angriff nehmen. Mögliche Maßnahmen müssen die Fähigkeiten der Menschen in den Mittelpunkt stellen und eine bessere individuelle Förderung garantieren.     

Trotz der guten Arbeitsmarktlage finden Langzeitarbeitslose nur selten eine dauerhafte Beschäftigung. Viele der Betroffenen haben besondere Vermittlungshemmnisse (z. B. geringe Qualifikation), die ihrem Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt im Wege stehen. Vor diesem Hintergrund müssen folgende Weichenstellungen erfolgen:

1. Finanzielle Mittel für Jobcenter

Erstens brauchen die Jobcenter mehr finanzielle Mittel, um die Verbesserung der Betreuung zu gewährleisten. Durch gezielte individuelle Förderung können sogar Menschen wieder in Arbeit gebracht werden, die lange arbeitslos waren. Im Jobcenter Berlin Lichtenberg wurde ein Langzeitarbeitsloser nach 12 Jahren Arbeitslosigkeit dauerhaft in den Arbeitsmarkt integriert.

2. Ausbildung und Weiterbildung

Zweitens ist die Förderung von Aus- und Weiterbildung zu intensivieren. Mit einer guten Qualifikation kann Arbeitslosigkeit überwunden und gleichzeitig perspektivisch vermieden werden. Deshalb ist eine Qualifizierungsmaßnahme stets der Aufnahme einer Helfertätigkeit vorzuziehen.

3. Jugendarbeitslosigkeit

Drittens müssen schwer erreichbare Jugendliche früher und gezielter in den Fokus rücken. Sie sollten so schnell wie möglich eine schulische, berufliche oder ausbildungsbezogene Qualifikation aufnehmen beziehungsweise abschließen. Je früher diese Aktivierung erfolgt, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Im Jobcenter Junges Mannheim wird dieser Ansatz seit vielen Jahren mit folgendem Motto verfolgt: „Jeder junge Erwachsene erhält in Mannheim eine Chance und das sofort.“

4. Innovationen bei der Jobvermittlung

Viertens sollten Jobcenter dazu ermutigt werden, Arbeitgeber und Langzeitarbeitslose mit innovativen Initiativen zusammenzubringen. Das Jobcenter Köln organisiert seit vielen Jahren erfolgreich „Das JobSpeedDating Köln“ und bringt hierbei zahlreiche Arbeitgeber mit rund 1000 Bewerbern zusammen. Solche praxisnahe Initiativen verbessern die Qualität der Jobvermittlung und stoßen bei Arbeitgebern auf positive Resonanz.

5. Leistungsberechnung im Hartz-IV-System

Fünftens müssen die Jobcenter-Mitarbeiter von bürokratischen und rechtlichen Hürden befreit werden. Die Leistungsberechnung im Hartz-IV-System ist trotz einiger Reformen immer noch zu kompliziert und bindet dadurch unnötig personelle Ressourcen. Durch Pauschalierungen von Leistungen (z. B. bei Bedarfen für Bildung und Teilhabe) und Bagatellgrenzen können in diesem Bereich Verbesserungen erzielt werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Mehr finanzielle Mittel für Jobcenter
  • Bessere Förderung von Aus- und Weiterbildung
  • Jugendliche erhalten sofort eine Chance
  • Innovationen in Jobcentern fördern
  • Bürokratische und rechtliche Hürden abbauen

Diese Weichenstellungen sind notwendig, um langzeitarbeitslosen Menschen die Perspektive auf eine gute Zukunft zu geben. In den vergangenen vier Jahren wurden keine entscheidenden Reformen in diesem Bereich beschlossen. Deshalb muss das Motto jetzt lauten: Endlich die richtigen Weichen stellen und Langzeitarbeitslosen wieder eine Perspektive geben!

Im Zeitraum von 2012 bis 2016 haben über 500.000 Mädchen und Frauen Schutz in Deutschland gesucht. Fast die Hälfte der Schutzsuchenden ist noch nicht volljährig. Somit haben sie das Potential, die Fachkräfte von morgen zu werden. Wie können geflüchtete Frauen auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt unterstützt werden? Dieser Beitrag möchte der Frage mit Hilfe von zwei Projekten nachgehen.

Fakt ist: Vier von fünf Frauen haben eine Schule in ihrem Herkunftsland besucht. Ein Drittel hat ein Studium oder eine Ausbildung abgeschlossen beziehungsweise begonnen. Außerdem gibt ein Drittel der Frauen an, im Herkunftsland erwerbstätig gewesen zu sein. Diese Kennzahlen unterstreichen das Arbeitsmarktpotential geflüchteter Frauen in Deutschland. Die Realität in Deutschland zeigt jedoch, dass dieses Potential oft nicht genutzt wird und diese Gruppe schlecht in den Arbeitsmarkt integriert ist. Geflüchtete Frauen leben häufig in tradierten Rollenverständnissen und sind von multipler Diskriminierung betroffen.

In den vergangenen Jahren hat sich etwas getan. Spezifische Angebote und Programme wurden ins Leben gerufen, die sich auch an geflüchtete Frauen richten. Hier zwei Beispiele:

  1. Bundesprogramm „Stark im Beruf“

Durch dieses Programm werden Mütter mit Migrationshintergrund in bundesweit 80 Projekten unterstützt. Die Unterstützungsleistungen vor Ort umfassen unter anderem eine intensive Beratung zu arbeitsmarktrelevanten Aspekten und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Beide Leistungen sind von höchster Relevanz. Zum einen kennen sich geflüchtete Frauen oft nicht mit den Gegebenheiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt aus (z. B. Anerkennung formaler Kompetenzen, rechtliche Hindernisse). Zum anderen scheitert die Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Frauen daran, dass Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht in Anspruch genommen werden. Entweder sind Kinderbetreuungsmöglichkeiten nicht in ausreichendem Maße vorhanden oder sie werden aus persönlichen beziehungsweise kulturellen Gründen nicht genutzt.

Ziel des Bundesprogramms ist, dass die Teilnehmerinnen durch ein Praktikum, eine Ausbildung oder eine Weiterqualifizierung an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Das Programm setzt dabei einen Schwerpunkt auf individuelle Betreuung und Beratung. Diese Komponenten sind notwendig, um den geflüchteten Frauen bei der Bewältigung ihrer individuellen Herausforderungen zu helfen (z. B. Sprachprobleme, psychische Störung als Folge der Flucht, kulturelle Anpassungsschwierigkeiten, Hilfestellung bei Behördengängen etc.).

  1. „Modellprojekt POINT – Potentiale integrieren“

Anfang dieses Jahres ging das Modellprojekt „POINT“ mit der Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin an den Start. Es soll allein geflüchteten Frauen dabei helfen, eine existenzsichernde Beschäftigung oder eine Ausbildung aufzunehmen. Der Berliner Arbeitsmarktdienstleister Goldnetz GmbH setzt das Projekt in Kooperation mit verschiedenen Akteuren um (u. a. Bundesagentur für Arbeit, Sozialpartner, Land Berlin etc.).

Die Projektteilnehmerinnen werden während ihrer Förderzeit eng individuell begleitet. Zum einen helfen ihnen Jobcoaches auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Zum anderen stehen ihnen Alltagsbegleiter für ganz individuelle Probleme zur Verfügung. Flankiert werden diese Bemühungen durch spezielle Maßnahmen wie zum Beispiel „Kurzseminare zu Themen rund um das Leben als Frau in Deutschland und das Arbeits- und Bildungssystem“.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Projektlandschaft für die Gruppe geflüchteter Frauen deutlich vergrößert hat. Es ist noch zu früh, um etwas über die Wirksamkeit der oben genannten Projekte zu sagen. Wichtig wäre jedoch, deren erfolgreiche Elemente in die Regelstrukturen der Arbeitsvermittlung zu übertragen. Dadurch würde ein noch größerer Teil der Zielgruppe von einer intensiven Förderung profitieren. Diese ist notwendig, um den besonderen Herausforderungen geflüchteter Frauen gerecht zu werden. Nur auf diesem Wege kann sich ihr Arbeitsmarktpotential entfalten.

 

 

 

 

 

Deutschland geht es so gut wie nie zuvor. Der Arbeitsmarkt brummt, und die Arbeitslosigkeit ist auf einem historisch niedrigen Stand. Trotzdem gibt es große Herausforderungen, die von der nächsten Regierung angegangen werden müssen. Hier ist mein Wunschzettel für den Bereich der Arbeitsmarktpolitik. 

1. Langzeitarbeitslosigkeit abbauen

Der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit ist eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Legislaturperiode. Dafür müssen folgende vier Maßnahmen ergriffen werden:

  • Betreuungsschlüssel verbessern: Es ist bekannt, dass eine bessere Betreuung die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigungsaufnahme von Langzeitarbeitslosen erhöht. Vor diesem Hintergrund muss der Betreuungsschlüssel optimiert werden. Eine enge Begleitung und Betreuung ist für den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit unabdingbar.
  • Stärkerer Fokus auf das Thema Aus-und Weiterbildung legen: In den vergangenen Jahren wurden nicht ausreichend finanzielle und zeitliche Ressourcen in die Aus- und Weiterbildung gesteckt. Das ist fahrlässig, weil wir wissen, dass eine mangelnde Qualifizierung ein Hauptmerkmal der Langzeitarbeitslosigkeit ist. Qualifizierungsmaßnahmen sollten jedoch länger als ein Jahr dauern. Studien zeigen hierbei einen deutlich positiven Effekt auf die Beschäftigungsaufnahme.
  • Engerer Kontakt mit der lokalen Wirtschaft knüpfen: Langzeitarbeitslose bekommen nur wieder eine Stelle, wenn Arbeitgeber bereit sind, sie einzustellen. Dafür müssen die Mitarbeiter der Jobcenter mehr als bisher Kontakt zu Unternehmen pflegen. Sie müssen mit den Arbeitgebern Gespräche führen und dürfen nicht vor ihrem Computer auf Stellenanzeigen warten.
  • Rechtsvereinfachung vorantreiben: Über 20.000 Jobcenter-Mitarbeiter sind nur damit beschäftigt, die Leistungen im Hartz-IV-System zu verwalten. Die Kunden der Jobcenter verstehen das komplizierte Recht und die Bescheide oft nicht – übrigens auch ich nicht immer. Deshalb muss das Zweite Sozialgesetzbuch (Hartz IV) radikal vereinfacht werden.

2Alleinerziehende Frauen aus Hartz IV bringen 

Rund 30 % der Hartz-IV-Empfänger sind Mütter mit Kindern unter 18 Jahren. Der ehemalige Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, hat diesen Personenkreis einmal wie folgt beschrieben: „Es handelt sich in der Regel um jüngere Frauen zur Hälfte mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung – ein interessantes Potenzial zur Abdeckung des Fachkräftebedarfs – zur anderen Hälfte um Ungelernte, 300.000 mögliche Bewerberinnen für den Ausbildungsstellenmarkt – insbesondere auch mit dem Angebot der Ausbildung in Teilzeit.“ Die Kernfrage ist: Wie können sich diese Potentiale entfalten?

Folgende drei Bedingungen müssen dafür erfüllt sein:

  • 24-Stunden-Kitas und gebührenfreie Kindergärten müssen zum Normalfall werden. Der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen ist die Voraussetzung dafür, dass Alleinerziehende uneingeschränkt der gewünschten Berufstätigkeit nachgehen können. Dies gilt u. a. für Frauen, die in der Pflege, der Gastronomie oder im Handel arbeiten.
  • Finanzielle Leistungen müssen erhöht werden (z. B. im Rahmen des Kinderzuschlags), sodass Mehrbedarfe (Fahrtkosten, Kleidung etc.) gedeckt sind und Alleinerziehende nicht mehr Grundsicherungsleistungen beziehen müssen.
  • Alleinerziehende müssen gezielter und stärker betreut werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt „Familienstart“ im Jobcenter Frankfurt.

3. Mehrarbeit für Geringverdiener attraktiver gestalten

Eine kürzlich veröffentlichte Studie („Grenzbelastungen im Steuer-, Abgaben- und Transfersystem“) der Bertelsmann-Stiftung hat gezeigt, dass Geringverdiener unterproportional von Mehrarbeit und Einkommenszuwächsen profitieren. Konkret bedeutet dies: Arbeit lohnt sich zwar in Deutschland, aber nicht für jeden in gleichem Maße. Die Autoren der oben genannten Studie schlagen deshalb die Einführung eines integrierten Steuer-, Abgaben- und Transfersystems mit folgenden Elementen vor:

  • Konstante Transferentzugsrate von 60 Prozent
  • Verbesserte Integration von Kindergeld, Wohngeld und Arbeitslosengeld II
  • Umstellung des Ehegattensplittings auf ein Realsplitting

Diese Elemente sind diskussionswürdig. Vor allem regen sie aber eine längst überfällige Debatte rund um das Thema „Arbeit muss sich lohnen“ an.

4. Digitalisierung der Arbeitswelt mit Weiterbildung meistern 

Die Digitalisierung ist der größte Strukturwandel seit der Industrialisierung. Sie wird unsere Wirtschaftsstruktur und den Arbeitsmarkt massiv verändern. In den kommenden Jahrzehnten werden viele Jobs wegfallen, andere werden sich rasant wandeln. Wie können sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber wappnen? Die Antwort lautet Weiterbildung. Die Digitalisierung führt uns vor Augen, dass wir nie „ausgelernt“ haben. Regelmäßige Weiterbildung muss deshalb ganz oben auf der Agenda von Wirtschaft und Politik stehen. Dies erfordert einen kulturellen Wandel sowie einen erheblichen Einsatz von Ressourcen und Personal. Falls wir uns dieser Herausforderung nicht stellen, wird Arbeitslosigkeit die automatische Folge sein.

5. Chancen für Ältere auf dem Arbeitsmarkt verbessern

In den vergangenen zehn Jahren ist die Arbeitslosenquote der 55- bis 65-jährigen Arbeitnehmer gesunken. Trotz dieser positiven Entwicklung haben es ältere Arbeitnehmer immer noch zu schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Arbeitgeber müssten älteren Bewerbern noch häufiger eine Chance geben. Die Situation ist paradox. Auf der einen Seite erhöht die Politik das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre. Auf der anderen Seite finden ältere Arbeitnehmer trotz Fachkräftemangel zunehmend schwerer eine neue Stelle. Die Politik kann diese Situation nicht lösen, sie kann aber sehr wohl Hilfestellung bieten – u. a. mit diesen zwei Maßnahmen:

  • Gezielte Weiterbildungen fördern
  • Stärkerer Fokus auf das Thema Gesundheitsförderung legen

Die aktuelle Debatte über soziale Gerechtigkeit ist diffus. Anstatt sich konkreten Problemen zu widmen, sprechen die meisten über ein generelles Gefühl des Abgehängt-Seins. Irgendetwas würde in Deutschland nicht richtig funktionieren. Schlussfolgerung: mehr Umverteilung. Ohne Zweifel, Umverteilung ist ein ganz bequemes Mittel, um sein Gewissen zu beruhigen. Leider schafft es weder Chancen noch Perspektiven.

Wir wollen ein Land der Chancen sein und dabei kommt es für mich auf folgende konkrete Ansatzpunkte an:

1. Problem: „Rund 30 % der Hartz-IV-Empfänger sind Mütter mit Kindern unter 18 Jahren. Besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter.“ 

Lösung: Viele Alleinerziehende möchten ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften. Für sie ist es jedoch oft schwierig, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Vor diesem Hintergrund muss an zwei Stellschrauben gedreht werden. Zum einen muss die finanzielle Unterstützung für alleinerziehende Mütter erhöht werden. Die Eigenschaft des Mutterseins darf kein Hartz-IV-Merkmal sein. Zum anderen müssen wir die Kinderbetreuung verbessern. 24-Stunden-Kitas und gebührenfreie Kindergärten müssen zum Normalfall werden.

2. Problem: „Wer hierzulande in eine Geringverdiener-Familie hineingeboren wird, wird mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit selbst ein Geringverdiener – so eine Studie der OECD.“ 

Lösung: Um sozialen Aufstieg zu ermöglichen, müssen wir vor allem bei der frühkindlichen Bildung ansetzen. Neben mehr Investitionen braucht es eine intensivere Betreuung sowie eine bessere Sprachförderung von benachteiligten Kindern. Sie brauchen mehr Aufmerksamkeit und Zeit als andere Kinder. Studien aus anderen Ländern zeigen, dass Kinder mit einer guten Vorschulerziehung seltener die Klasse wiederholen und öfters einen Schulabschluss vorweisen können.

3. Problem: „Jedes Jahr verlassen in Deutschland knapp 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss.“

Lösung: Angesichts des demographischen Wandels und der Chancengleichheit dürfen wir uns nicht mit einer solch hohen Zahl von Schulabbrechern zufrieden geben. Es braucht deshalb mehr Unterstützungsangebote an Schulen. Die Bildungsinitiative „Teach First“ setzt mit dem Einsatz von Akademikern als Ersatzlehrer genau an diesem Punkt an. Solche Initiativen müssen flächendeckend von den jeweiligen Landesregierungen eingeführt werden.

4. Problem: „Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation profitieren deutlich weniger von Weiterbildung durch ihre Betriebe als Höherqualifizierte.“

Lösung: Trotz gesetzgeberischer Maßnahmen (Arbeitslosenversicherungsschutz- und Weiterbildungsstärkungsgesetz) fehlt es bei der Weiterbildungsförderung noch an der nötigen Effektivität. Im Kern geht es um die Frage der finanziellen Anreize. Geringqualifizierte können es sich oft nicht leisten, eine Weiterbildung in Anspruch zu nehmen. Vor diesem Hintergrund schlägt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor, statt eines Prämienmodells ein Aufstockungsmodell umzusetzen. Konkret schlagen die Experten ein Aufstockungsbetrag von 300 Euro vor.

In den vergangenen Wochen haben die Sozialdemokraten den Wahlkampf rund um das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ eröffnet. Auffallend ist dabei, dass sich die Botschaften vor allem an die arbeitende Bevölkerung und an das System der Arbeitslosenversicherung richten. Und was ist mit Hartz IV? Leider Fehlanzeige. Das ist dramatisch, weil es gerade dort reale soziale Probleme gibt. Seit einigen Jahren stagniert die Zahl der Langzeitarbeitslosen bei rund einer Million. Die betroffenen Menschen haben es sehr schwer, einen Weg in den Arbeitsmarkt zu finden. Sie brauchen oft eine Vielzahl von Unterstützungsleistungen. Aber nicht nur Langzeitarbeitslose befinden sich in einer schwierigen Lage. Auch viele „Aufstocker“ haben Probleme damit, dauerhaft ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Sie verdienen zu wenig und gehören deshalb häufig zu den Langleistungsbeziehern.

Ältere Menschen auf dem Abstellgleis

Zwei Gruppen sind in besonderer Art und Weise von diesen Problemlagen betroffen, nämlich ältere Menschen und Mütter. Ein Viertel der Hartz-IV-Empfänger ist zwischen 51 und 64 Jahre alt. Es zeigt sich, dass ein höheres Lebensalter eines der größten Hemmnisse bei der Arbeitsmarktintegration darstellt. Je älter man ist, desto schwieriger wird es bei der Jobsuche. Eine Regelung im Zweiten Sozialgesetzbuch macht es vor allem Langzeitarbeitslosen schwer. Wenn Langzeitarbeitslose nach Erreichen des 58. Lebensjahres ein Jahr lang keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen, gelten sie nicht mehr als arbeitslos. Mit dieser Regelung verschwinden diese Menschen sprichwörtlich aus der Arbeitslosenstatistik. Viel schlimmer ist jedoch, dass damit auch alle Vermittlungsbemühungen eingestellt werden. Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar. Zum einen stellen wir arbeitsfähige Menschen mit wertvollen Fähigkeiten aufs Abstellgleis. Zum anderen verlieren die Unternehmen Arbeitskräfte, die in Zeiten des demographischen Wandels mehr denn je gebraucht werden.

Muttersein als Hartz-IV-Merkmal

Rund 30 Prozent der Hartz-IV-Empfänger sind Mütter mit Kindern unter 18 Jahren. Besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter. Sie haben deutlich geringere Chancen das Hartz-IV-System zu verlassen, als Mütter, die mit einem Partner leben. Alleinerziehende Mütter haben es oft schwer, eine bedarfsdeckende Arbeit aufzunehmen. Es ist schon tragisch, dass die „Eigenschaft des Mutterseins“ ein Merkmal für den Hartz-IV-Bezug ist. Und genau deshalb muss diese Gruppe in den Fokus genommen werden – vor allem deren Lebenslagen. Eines ist klar: Mütter werden mehr flankierende Unterstützungsleistungen benötigen. Es muss jedoch ganz genau geschaut werden, welcher Bedarf besteht.

Eine sozialere Gesellschaft ist möglich        

Eine soziale Gesellschaft ist keine Gesellschaft, in der man alles geschenkt bekommt. Es ist auch keine Gesellschaft, in der man für das Nichtstun übermäßig alimentiert werden sollte. In einer sozialen Gesellschaft müssen aber die Bedürftigen in den Blick genommen werden. Das sind im Zweifel jene Menschen, die keine Lobby oder Interessensvertretung hinter sich haben. Es sind die Menschen, die um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. Im Hartz-IV-System sind das unter anderem ältere Menschen und Mütter. Sie sind beide ein vitaler Bestandteil unserer Gesellschaft. Die älteren Menschen haben schon etwas für dieses Land geleistet und sollten nicht zurückgelassen werden. Die Mütter stehen mit ihren Kindern für die Zukunft unseres Landes. Deshalb müssen sie mit allen Mitteln unterstützt werden.